Die Alterslüge oder warum ältere Beschäftigte aktuell kaum Chancen haben

Die Rente mit 67 wird ja mit jeder Art von Halblüge in der Politik verteidigt. Die einzigen Spritzer Wahrheit in der öffentlichen Diskussion kommen aktuell von Politikern, die erklären, solange die Beschäftigungschancen Älterer nicht steigen solle die Rente mit 67 ausgesetzt werden.

Um dies alles einmal wissenschaftlich anzupacken braucht man nicht sehr weit zu laufen, wenn man weiß, wo man nachschauen muss. Es gibt nämlich den seltenen Glücksfall, dass es eine echte Untersuchung gibt, die wissenschaftlich überprüfbar ist und nicht irgendwelche selbstgedrehten Umfragen als Grundlage hat.

Diese Untersuchung findet sich in dem Buch „Ältere Arbeitnehmer“ .

Dort finden wir auf der Grundlage von ausgewertetem Zahlenmaterial ein Fazit, das eigentlich keiner Ergänzung bedarf:

„Die Nachfrage nach Arbeitskräften wächst zumindest bis 2020 – weiter reichen die Projektionen nicht – um 1,3 Mio. für Gesamtdeutschland, während die Erwerbsbevölkerung bei gleichbleibender Nettozuwanderung von Ausländern sinkt. Selbst unter der Annahme einer Zunahme der Nettozuwanderung in einem kaum realistischen Maße würde die Erwerbsbevölkerung nur vorübergehend anwachsen. Auch bei steigender Erwerbsneigung einerseits der Frauen und andererseits allgemein durch Erhöhung des gesetzlichen Rentenalters ist bis 2030 mit einem leichten Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials um fast 4 Mio. (nahezu 9%) zu rechnen. Bei hoher Arbeitslosigkeit und erheblichem Umfang der „Stillen Reserve“ (vgl. Fuchs/Walwei/Weber 2005) bedeutet das, dass sich die Unterbeschäftigung lediglich reduziert (vgl. Fuchs/Schnur/Zika 2005). Eine allgemeine Knappheit von Arbeitskräften, die die Betriebe veranlassen könnte, in erheblichem stärkeren Maße auf ältere Arbeitskraftreserven zurückzugreifen und den Arbeitsmarkt von Älteren zu „räumen“, ist nicht absehbar. Erwartbar erscheint allenfalls, dass fachspezifische Knappheiten auf dem Arbeitsmarkt eine Verlängerung des Erwerbslebens Hochqualifizierter unterstützen. Dieses sind aber die Gruppen, die ohnehin die höchsten Alterserwerbsquoten aufweisen und um deren Erwerbsintegration man sich die geringsten Sorgen machen muss. Der Altersübergang der geringer Qualifizierten wird problematisch bleiben oder sogar noch problematischer werden als heute……

Nach der IAB-Projektion wird der Erwerbstätigenanteil des Verarbeitenden Gewerbes von 20,3% im Jahre 2005 auf 15,8% im Jahre 2020 abnehmen, während die unternehmensbezogenen Dienstleistungen ihren Anteil von 12,9% auf 18,1% und die „übrigen Dienstleistungen“ von 22,6% auf 26,1% steigern sollen (Schnur/Zika 2005). Die damit verbundene Umschichtung der Erwerbstätigkeit vollzieht sich in den schrumpfenden Sektoren in zyklisch krisenhaften Prozessen des Personalabbaus und der Betriebsschließung, von denen unvermeidlich auch Ältere betroffen sind, wenn nicht der Personalabbau sogar auf Ältere konzentriert wird.

Wenn also die Erwerbstätigenquoten Älterer steigen sollen, so müssten mehr noch als bisher Ältere nicht nur einen Betriebswechsel, sondern auch einen Wechsel der Branche und damit der bisherigen beruflichen Tätigkeit erfolgreich absolvieren. Zumindest bis 1995 war aber in Westdeutschland die Häufigkeit des gleichzeitigen Wechsels von Betrieb und Beruf allgemein rückläufig (Bender/Haas/Klose 1999). Die Wirksamkeit arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen zur Förderung der Mobilität von Betrieb zu Betrieb im Falle von betrieblichen Umstrukturierungen scheint bisher weit hinter den Erwartungen zurückzubleiben. Von diesem Problem sind Arbeitnehmer zwischen 51 und 60 Jahren als Teilnehmer von Transfermaßnahmen weit überproportional betroffen (vgl. IZA/DIW/infas 2005).“

Unterscheiden muss man noch zwischen Erwerbsbevölkerung und  Erwerbspersonenpotenzial:

„Nicht nur wegen Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, sondern auch bei „Vollbeschäftigung“ ist niemals die gesamte Erwerbsbevölkerung auch tatsächlich erwerbstätig. Ziel von Potenzialschätzungen ist es, den Anteil der Erwerbsbevölkerung zu ermitteln, der erwerbstätig sein würde, wenn die Möglichkeit dazu gegeben wäre.“

Um das Thema zu verstehen:

„Mit einer jährlichen Nettozuwanderung von 400.000 Ausländern würde die Erwerbsbevölkerung im Jahre 2030 in etwa den heutigen Umfang von rd. 55. Mio. haben, aber sie würde vorübergehend – etwa um 2018 – leicht ansteigen auf etwa 57 Mio. Mit leichten Schwankungen könnte das derzeitige Niveau auch bis 2050 nahezu gehalten werden (ebenda). Die tatsächliche Nettozuwanderung von Ausländern lag in den Jahren 2000-2005 bei durchschnittlich 160.000 pro Jahr; wenn es bei dieser Größenordnung bleibt, wird die Erwerbsbevölkerung im Jahre 2030 bei etwa 87% des Jahres 2006 liegen.“

Aktuell liegt das Erwerbspersonenpotential laut IAB bei 45 Millionen.

Was will ich nun mit diesen Zitaten und Gedanken sagen?

Daraus ergibt sich für mich schlüssig, dass es bis 2030 und danach rein rechnerisch überhaupt keinen Grund für Betriebe gibt, ältere Arbeitnehmer verstärkt einzustellen.

Es mag sicherlich regionale Verschiedenheiten geben, aber ein gesellschaftliches Problem, das die Politik zum Handeln veranlaßt, ist dies alles nicht.

In der Politik wird jetzt das Thema Fachkräftesicherung verstärkt angepackt. Das wiederum hat weniger mit dem demografischen Wandel als mit einer  kurzfristig denkenden  Kultur im Personalwesen zu tun.

In meinen Augen sind Altersmanagement und Alternsmanagement daher eher ein Problem.

Immer mehr Betriebe haben ihre personellen Arbeitsstrukturen so aufgebaut, dass es eine Drittelbelegschaft bzw. eine dritte Belegschaft gibt.

Ein Drittel „unersetzlich“, ein Drittel Stammbelegschaft und ein Drittel flexible Belegschaft. Daher sind Zeitarbeitsunternehmen ein wesentlicher Faktor der Personalwirtschaft geworden – meistens schlecht für die Arbeitnehmer.

Die aktuell abgeschlossenen Regelungen zur Zeitarbeit mit der IG Metall und dem DGB haben die Zeitarbeit als Instrument des Personaleinsatzes zusätzlich „geadelt“.

Zeitarbeit ist jetzt auch tarifvertraglich auf Augenhöhe im Betrieb angekommen und damit auch ein normales personalpolitische Instrument im Zusammenwirken mit Betriebsräten geworden.

Somit wird das personalpolitische Instrument der Zeitarbeit zukünftig wesentlich wichtiger werden und auch Zeitarbeit eine andere Stellung bekommen.

Das sind aber völlig andere Perspektiven als dies bisher der Fall war. Damit verlagert sich das Thema ähnlich wie in anderen Ländern dorthin, wo flexible Arbeitskräfte mit Qualifikationen gut bezahlte Einsatzkräfte werden, so dass Arbeitskräfte mit Erfahrung und Flexibilität, also lebensältere Arbeitnehmer, ein erhebliches Geschäftspotential für Zeitarbeitsunternehmen werden könnten.

Denn sie bieten den Betrieben etwas an, was sie selbst versäumt haben oder nicht mehr wollen: besondere Qualifikationen für besondere Projekte. So könnte Zeitarbeit mit diesen tariflichen Regelungen eine gute Chance für ältere Arbeitnehmer werden. Das ist aber meiner Einschätzung nah völlig illusorisch, weil es nur um billig und befristet geht.

Solange der Arbeitnehmer nicht als Mensch gesehen wird, ist das Thema Ausbeutung absolut maßgebend.

Zudem muss man sich klar machen, dass in fast allen Ländern um uns herum das Prinzip gleiche Arbeit gleiches Geld für Zeitarbeitnehmer und Stammbeschäftigte in Unternehmen gilt.

Dies gilt in Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Österreich, um nur einige zu nennen. Und in Deutschland ist dies immer noch nicht flächendeckend der Fall.

Abgesehen davon muss man noch aufpassen, dass die Gewerkschaften mit ihrer Forderung nach einem Mindestlohn von nur 8,50 Euro nicht alles kaputtmachen, denn der liegt in anderen Ländern um uns herum bei ca. 10 Euro.

Soweit meine gedankliche Skizze zur Lügerei in der Politik und dem ungenutzten Humankapital.

Die letzten gedanklichen Pinselstriche dienten dazu, eine  Zukunft zu malen, die nicht perspektivenlos ist, wenn man die aktuellen Entwicklungen der Wirklichkeit als Grundlage nimmt und fortschreibt.

Es kann aber auch ganz anders kommen. Denkbar wäre auch, dass die Politik so weitermacht, immer mehr lebensältere Menschen allein und in Armut läßt, die eigentlich einen staatstragenden Teil dieses Gemeinwesens sind und darauf wartet, dass sich dieses Potenzial politisiert. Das wäre dann spätestens in zehn Jahren der Fall. Und das  würde dann spannend. Dann gäbe es zwar nicht den Druck, ältere Menschen einzustellen, aber es gäbe den Druck, die sozialen Spannungen in Deutschland abzumildern.

Da gibt es dann für die Politik ganz viel zu tun, weil dann all diese Menschen ein riesiges Wählerpotenzial mit klaren Interessen darstellen. So kann man das ganze Problem nicht aussitzen sondern maximal noch ein paar Jahre aussetzen…

Nachtrag ein paar Wochen später:

Der Aufschwung ging an den älteren Arbeitslosen vorbei, ein Link auf den Focus.

Nachtrag 2 Jahre später:

Die Pegida-Bewegung und die Themen, Asyl, Salafisten und Verarmungsregel von Hartz4 für die, die hier gearbeitet haben, kommen schon hoch. Das ist die erste Eruption, die verschärfte soziale Spannungen ankündigt. Wenn die Politik nicht dafür sorgt, daß die, die hier gearbeitet haben, mehr erhalten als die, die hier Asyl suchen, wird im Hartz4 System zunehmend mehr Hass erzeugt werden. Ein Vorschlag wäre, pro Jahr des Einzahlens in die Sozialversicherung zwei Prozent Aufschlag auf Hartz4 zu erhalten, unabhängig vom vorherigen Einkommen, also 20 Jahre eingezahlt bedeutet 20 Prozent Aufschlag und zwar bis zur Rente. Das würde den sozialen Ungerechtigkeitsfaktor wesentlich reduzieren und sozialen Frieden bringen. Besser wäre es Hartz4 zu ersetzen. Zudem müßte ab 50 der Freibetrag höher sein für jede Art von Geld. Dies alles setzt aber das Anerkennen der Realität voraus …

 

 

 

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