Die Demografie-Lüge oder was wäre so schlimm, wenn in der Bundesrepublik nur noch 75 Millionen Menschen leben?

Walter Siebel hat auf ein paar einfache Zusammenhänge hingewiesen, von denen ich zwei hier zitieren möchte:

„Der Wohlstand der Bevölkerung kann selbst bei rückläufiger Wirtschaftsleistung steigen, sofern die Zahl der Bevölkerung schneller zurückgeht als die Wirtschaftsleistung. Ein Beispiel dafür ist die Verdichtung der Erbvorgänge bei sinkender Geburtenrate: Früher erhielten die nachgeborenen Kinder gar nichts oder sie hatten ihr Erbe mit so vielen Geschwistern zu teilen, dass der eigene Acker nicht mehr für den Lebensunterhalt reichte. Heute kann das Einzelkind zweier Einzelkinder nach dem Tod von Eltern und Großeltern darauf hoffen, Besitzer dreier Einfamilienhäuser und vielleicht noch je einer Ferienwohnung auf Mallorca, in der Provence und an einem der oberitalienischen Seen zu werden, woraus der Erbe, falls er solche Besitztümer nicht nur als Segen empfände, auch bei stagnierenden Immobilienmärkten erheblichen Gewinn erzielen könnte. Verdichtung der Erbvorgänge gilt allerdings auch für die Schulden, insbesondere die Staatsschulden, die die vorige Generation akkumuliert hat.

Bei sinkender Bevölkerungszahl wird der individuelle Wohlstand auf jeden Fall zunehmen, wenn die Volkswirtschaft stagniert, denn das BSP wird auf weniger Köpfe verteilt. Das gilt erst recht, wenn das BSP wächst. Ob sie wächst ist aber vor allem eine Frage der Produktivitätsentwicklung, die in wissensbasierten Ökonomien weniger von der Zahl als von der Qualifikation der Arbeitskräfte abhängt, also von der Qualität des Bildungssystems und das wiederum ist eine Frage der Politik.

5. Bei einem steigenden Anteil alter Menschen werden unzumutbare Belastungen für die Erwerbstätigen befürchtet, weil immer weniger Erwerbstätige für immer mehr Rentner und Pensionäre zu sorgen hätten. Aber sehen wir uns die Sache genauer an:
1960 hatten von hundert Bundesbürgern knapp 47 Arbeit, 53 waren nicht erwerbstätig, im Jahr 2004 betrug das Verhältnis 43 zu 57. Stimmt also die Befürchtung?
Nein! denn für diese Verschlechterung ist allein die Tatsache verantwortlich, dass sich die BRD eine Arbeitslosigkeit von gegenwärtig – wenn man die versteckte Arbeitslosigkeit hinzurechnet – circa 5 Millionen leistet. Betrachtet man die Zahl der Erwerbspersonen, das sind alle, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen einschließlich der Arbeit Suchenden, so ist das Verhältnis sogar günstiger geworden: 1960 entfielen auf 47 Erwerbspersonen 53 Nicht-Erwerbspersonen (Rentner, Hausfrauen, Kinder und andere, die aus welchen Gründen auch immer, dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen) im Jahr 2004 war das Verhältnis fast ausgeglichen: 49,2 zu 50,8. Arbeitslosigkeit aber hat nichts mit Demographie zu tun. Sie ist ein gesellschaftspolitisches Problem.
Sieht man ab vom Problem der Arbeitslosigkeit, so haben sich also die Belastungen der Erwerbstätigen sogar verringert, denn heute sind mehr Menschen in den Arbeitsmarkt integriert als 1960, und das, obwohl die Bundesrepublik eine im übrigen wenig erfolgreiche Politik der systematischen Einengung des Arbeitskräfteangebots betrieben hat, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen.

Diese Verbesserung des Verhältnisses von Erwerbs- und Nicht-Erwerbstätigen hat zwei Gründe:

Einmal die demographische Entwicklung: Die geburtenstarken Jahrgänge sind jetzt im erwerbsfähigen Alter, erst wenn sie verrentet werden, wird die Altenlast steigen. Zum zweiten aber ist es die Integration der Frauen in das Beschäftigungssystem: es gibt zwar mehr Rentner, aber es gibt sehr viel weniger Hausfrauen und Kinder. Worin aber liegt der Unterschied der Belastung, wenn in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts. in einer traditionellen Familie ein berufstätiger Mann eine Hausfrau und zwei Kinder zu ernähren hatte, während
heute ein Berufstätiger sagen wir zwei ältere Menschen und ein Kind unterhält?
Die Relation zwischen Erwerbstätigen und Nicht-Erwerbstätigen hätte sich gar nicht geändert! Geändert hat sich aber die Art und Weise, in der die Gesellschaft die Transfers organisiert: früher innerhalb des Verwandtschaftssystems und mittels informeller Leistungen, heute politisch organisiert über Sozialversicherungssysteme und mittels Geldzahlungen. Die Belastungen sind nicht gestiegen, im Gegenteil, die Relation ist heute günstiger als noch vor vierzig Jahren, aber sie haben ihr Gesicht verändert. Sie sind öffentlich sichtbar, in Geldeinheiten zählbar und dadurch politisiert worden. Es ist die Vergesellschaftung der Transferleistungen, ihre markt- und staatsförmige Organisation, die eine Belastung der Erwerbstätigen politisch skandalisiert hat, die früher sogar höher war als gegenwärtig.

Eine bessere Politik könnte viele der befürchteten Konsequenzen der demographischen Entwicklung mildern wenn nicht vermeiden. Entscheidend sind die Familien- und die Einwanderungspolitik, die Bildungs- und die Arbeitsmarktpolitik sowie die Ausgestaltung der Sozialversicherungssysteme.“

Wenn Sie mehr wissen möchten, dann empfehle ich ihnen den gesamten Artikel „Über sozialwissenschaftliche Verkürzungen und politische Denkhemmungen in der Diskussion zum demographischen Wandel“ von Walter Siebel zu lesen. Er ist abgedruckt in dem Buch „Demographie als Herausforderung für den öffentlichen Sektor“ von Reinhold Sackmann. Nicht alles, was er schreibt, entspricht meinem Denken. Aber zumindest differenziert er und zeigt, dass es eine tiefere Wirklichkeit gibt als die politische Information.

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