Die Lücke in der Altersversorgung (nicht nur) der Akademiker

Bis zum Jahre 1992 wurden 13 Jahre rentensteigernd bei der Berechnung der gesetzlichen Rente angerechnet. Bis zum Jahre 2005 wurden nur noch acht Jahre rentensteigernd angerechnet. Ab dem Jahre 2006 wird nichts mehr rentensteigernd angerechnet. Wer also zum Beispiel in den 80er Jahren studiert hat, dem hat man rückwirkend acht Jahre aus seiner Rentenberechnung genommen, besser: gestohlen.

Beispiele (Immer ca. Bruttobeträge, genaue Beträge sind fast immer niedriger!):

1. Wenn jemand 40 Jahre den Höchstsatz (Stand 2010 von 5500 Euro brutto) in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlt, dann hat er ungefähr einen Rentenanspruch von ca. 2000 Euro.

2. Wenn jemand nun 40 Beitragsjahre voll hat und davon 32 Jahre den Höchstsatz gezahlt hat plus acht Jahre Schul- und Berufsausbildung anerkannt bekommen würde (wie dies bis 2005 galt und heute nicht mehr gilt), dann hätte er ungefähr einen Rentenanspruch von 1780 Euro. Dies deshalb, weil er die acht Jahre nur einen Durchschnitt bekommen hätte, aber nicht seinen persönlichen Durchschnitt.

3. Wenn jemand (dies gilt aktuell) nun 40 Jahre voll  hat und davon acht Jahre Schule und Studium, dann hat er, wenn er 32 Jahre den Höchstsatz gezahlt hätte,  einen Anspruch von ca. 1600 Euro.

Dies wird aktuell noch nicht komplett besteuert aber ab 2029. Wer glaubt bis 2029 sei noch lang, der sollte sich erinnern wie lange es gedauert hat, bis man nicht mehr 20 sondern 40 war! Das ist gegenüber heute noch mal eine Kürzung.

Diese Rechnung ist aber in der Regel eine Illusion. Deshalb wende ich mich realen Beispielen zu nach der Einführung der Rente mit 67 und einer Rechnung für die meisten, die jetzt 40 und älter sind:

Laut Focus vom 17. Januar 2011 wird in Deutschland so viel verdient brutto pro Monat (nur ein paar Beispiele aus der Liste):

Bautechniker 3704 Euro, Bibliothekar 3081 Euro, Buchhändler 3406 Euro, Dreher 2907 Euro, Erzieher 2528 Euro, Elektroinstallateur 2734 Euro, Fräser 2867 Euro, Lagerarbeiter 2138 Euro, Maler 2359 Euro, Krankengymnast 2361 Euro, Krankenschwester 2722 Euro, Maschinenbauingenieur 5102 Euro, Werkzeugmacher 2945 Euro, Videofotograf ca. 2000 Euro (Einstieg), Social Media-Manager 4000 Euro etc.

Bei Beamten, die keine Beiträge zur Rentenversicheurng davon bezahlen müssen und ca. 70 Prozent ihrer letzten (höchsten) Eingruppierung vor der Rente als Pension erhalten, sieht es so aus: Realschul/Haupt/Sonderschullehrer 3286 Euro, Berufsschullehrer 3733 Euro, Postbote 2219 Euro, leitende Verwaltungsfachleute 5094 Euro etc.

Die Focusliste soll hier nur als Anhaltspunkt dienen, um sich klar zu machen, dass die meisten ehrlich arbeitenden Menschen in Deutschland maximal zwischen 2000 und 3000 Euro brutto pro Monat haben, wenn Sie Vollzeit arbeiten gehen.

Wer 12 Monate 2000 Euro brutto pro Monat verdient und davon in die Rentenkasse einzahlt, hat einen rechnerischen Anspruch von ca. 20 Euro brutto. Wer dies 10 Jahre lang macht, hat einen Anspruch von ca. 200 Euro brutto, wer dies 30 Jahre macht, der hat einen Anspruch von ca. 600 Jahre brutto, bei 40 Jahren sind es ca. 800 Euro brutto.

Wer 30 Jahre pro Monat 3000 Euro brutto hätte, der hätte ca. 900 Euro Euro brutto Rentenanspruch, wer 40 Jahre mit 3000 Euro brutto einzahlt hätte ca. 1200 Euro brutto oder umgekehrt wer 30 Jahre 4000 Euro verdient, der hätte ebenfalls einen Anspruch von ca. 1200 Euro brutto an Rente.

Damit kann sich jeder ausrechnen, wer was verdient. Ich halte 40 Jahre für illusorisch, da die prekären Beschäftigungen die durchgehende Rechnung unseriös machen.

Die oben genannten Renten erhält man aber nur, wenn man nach der neuen Regelung bis 67 arbeitet. Wer mit 63 gehen will, der muß 35 Jahre mit anrechenbaren Zeiten voll haben.

Wer Hartz IV erhielt, der konnte wenigstens diese Zeiten mitrechnen. Das hat die Bundesregierung ab 2011 abgeschafft, so dass jetzt jeder, der darunter fällt und die Zeiten nicht anders zusammenbekommt bis 67 warten muß, bevor er oder sie in Rente kann.

Wer nun die 35 Jahre voll bekommt und mit 63 in Rente gehen kann, obwohl er/sie eigentlich bis 67 arbeiten müßte, der wird noch mal lebenslänglich zur Kasse gebeten.

Das kostet dann pro Monat – wenn er mit 63 will – ca. 14,4 Prozent monatlich – lebenslänglich. Das wären bei 1200 Euro Rente ungefähr 175 Euro weniger pro Monat.

Um es noch drastischer auszudrücken: wer 40 Jahre lang im Schnitt 2000 Euro brutto verdient hat, der würde 800 Euro Rente brutto erhalten. Wer dann mit 63 in Renten will und nicht mit 67, dem werden ca. 14 Prozent abgezogen. Das bedeutet ca. 110 Euro pro Monate. Also, wer 40 Jahre in dieser Summe einzahlt und will mit 63 raus, würde ca. 690 Euro Rente brutto erhalten. Diese Rente würde dann noch versteuert und mit Sozialbeiträgen belegt.

Akademiker und Arbeiter und Angestellte müssen gemeinsam feststellen, dass sie alle im Alter fast arm sein werden oder je nach Definition dann sind. Arbeiter, Akademiker und Angestellt sitzen fast alle in einem Boot.

Das gilt nur nicht für Beamte. Sie erhalten eine garantierte Pension von mehr als 1200 Euro brutto als Mindestpension, in sehr vielen Fällen sind Pensionen mehr als 2000 Euro hoch. Berechnet wird die Pension von dem, was sie zuletzt verdient haben und den Jahren als Beamter … (mittlerweile noch mehr, da dieser Artikel schon 2011 erstmalig erschien)

Interessanterweise interessiert dies fast niemand. Mich fasziniert, dass dies fast niemand interessiert. Das kann eine Riesterrente sowieso nicht auffangen. Das ist Betrug am Volk. Jeder müßte mit 63 in Rente gehen können ohne Abzüge, denn Solidarität bedeutet, nicht immer höhere Beiträge sondern Umschichtung in die Rentenkasse. Ob alle Beamten auch rein sollen kann man ja diskutieren. Aber dass die, die einzahlen, weniger erhalten wie die, die nicht einzahlen, ist asozial, zumal Beamte ja auch in der Krankenversicherung und bei Krediten privilegiert sind.

Im Stern heisst es dazu: „Nach 40 Dienstjahren erhalten Beamte ein Ruhegehalt von knapp 72 Prozent ihrer letzten Bezüge. Das Rentenniveau eines Arbeitnehmers dagegen liegt bei 48 Prozent des durchschnittlichen Bruttogehaltes.“ Das ist im Falle der Arbeitnehmer natürlich geschönt und setzt Erwerbsbiographien voraus, die es bei sozialen Verhältnissen mit Praktika und Dumpinglöhnen nicht mehr gibt. Die gab es nur, solange es dies alles nicht gab. Das ist jetzt schon mehr als zehn Jahre vorbei.

Übigens, das Ganze kann noch perverser werden. Folgender Fall. Jemand hat 25 Jahre sozialversicherungspflichtig gearbeite, ist vielleicht 50 und einen Anspruch von 700 Euro Rente. Jetzt arbeitet er noch 10 Jahre für 2000 Euro brutto pro Monat. Dies ergibt ca. 200 Euro zusätzliche Rente. Mit 60 wird er arbeitslos. Diese Person hat dann mit 63 Jahren einen Rentenanspruch von 900 Euro Rente. Wenn er dann in vorzeitige Rente geht, werden davon ca. 130 Euro dauerhaft abgezogen. Dies bedeutet, er hat sich in den letzten zehn Jahren 200 Euro Rentenanspruch erworben und dann wird seine Rente um 130 Euro gekürzt. Da hat sich das Arbeiten ja echt gelohnt!

Aber ich will das „rettende“ Argument nicht verschweigen. Gottseidank gibt es noch Rentenerhöhungen. Leider haben die mehrere Schönheitsfehler. Erstens gibt es sie nur noch unregelmäßig und eher gering und zweitens führen sie – wie bei der arbeitenden Bevölkerung – dazu, dass sofort überproportional die Sozialabgaben, sprich vorrangig Krankenversicherung, steigen. Und sie führen dazu, dass bei den Rentnern der nächsten Jahre, die ja keine Freibeträge wie heute mehr haben, die Quote der Sozialabgaben insgesamt noch mehr steigt.
Dazu gibt es noch mehr zu sagen, aber das würde aus dem Artikel einen Essay machen.

Das Mindeste wären 3 Dinge:

1. die Rücknahme der Rente mit 67,
2. jeder muß mit 5 Jahren Beitragszeiten mit 63 ungekürzt mit seinem aktuellen Anspruch in Rente gehen können,
3. eine wesentliche Erhöhung des Rentenpunktes.

Finanziert wird dies mit einer Erhöhung des Bundeszuschusses und dieser wiederum wird finanziert mit einer Anhebung der Mehrwertsteuer, möglicherweise auch noch einer Solidaritätssteuer der Beamten und einer Finanzmarktsteuer oder einer Kürzung der Beamtenpensionen auf die maximale Durchschnittsrente eines Arbeitnehmers in Deutschland. Das ist fair.

Alternativ könnte man natürlich auch sagen, dass ein Arbeitnehmer 72 Prozent von den fünf Jahren als Rente erhält, in denen er am meisten in die Rentenversicherung eingezahlt hat. Das wäre vielleicht noch fairer, dann gäbe es eine Gleichstellung mit den Beamten zumindest in diesem Punkt.

Dieses Thema ist eine Messer und Gabel Frage und in spätestens zehn bis 15 Jahren da. Es muß jetzt gelöst werden. Das ist eine Investition in die Zukunft. Was wir dort investieren, müssen wir nicht in Polizei, Armenfürsorge und anderes stecken.

So, hier steht es wie an vielen anderen Stellen auch. Und in Deutschland wir wohl nichts passieren. Nur dieses Problem kann man nicht aussitzen. Eigentlich zeichnet sich der Mensch im Gegensatz zum Tier dadurch aus, dass er Entwicklungen durch sein Denken vorwegnehmen kann und daher vorher die Dinge so beeinflussen kann, dass manches nicht passiert.

Mir ist es ein Rätsel, wieso hier bewußt eine Situation herbeigeführt wird, die unser System zerfetzen kann. Das ist einfach nur dumm. Und es ist nach dem Grundgesetz verboten. Das Grundgesetz zwingt die Politik eigentlich dazu, Schaden abzuwenden vom deutschen Volk und das sind nicht die Banken …

Nachtrag fast vier Jahre später:

Als dieser Artikel Anfang 2011 erschien wußte ich noch nicht was kommt. Aktuell sieht es so aus:

  • Mit 63 ohne Kürzung kann ein Jahrgang in Rente, wenn er/sie durchgängig 45 Jahre sozialversicherungspflichtig beschäftigt war. Jahrgänge ab 1962 können aber erst mit knapp 65 Jahren abschlagsfrei nach 45 (!) versicherten Arbeitsjahren ohne Abschlag in Rente
  • Die Politiker im Bundestag haben sich ihre Diäten um monatlich über 900 Euro(!) ab sofort erhöht, Landtage ähnlich
  • Die Arbeitslosigkeit unter den über 50jährigen nimmt zu und immer mehr werden gezwungen zu verarmen, um Hartz 4 zu erhalten
  • Die Mindestpension für Beamte liegt mittlerweile bei ca. 1500 Euro
  • Der Masterplan der Mächtigen klappt. Durch CETA und TIPP werden jetzt die nationalen Gesetzgebungen und Parlamente ausgehebelt und nicht gewählte Gremien bestimmen über den Staat und das Parlament hinweg. Das ist die Auflösung der Staatlichkeit und die Parlamente stimmen dem zu!

Dies alles läßt sich fortsetzen und viele Infos dazu finden sich auf dieser Seite. Es ist also nichts besser geworden aus Sicht der ehrlichen kleinen Leute.

Nachtrag 2017:

In Österreich zahlen Arbeitnehmer ca. 2 Prozent mehr für die Sozialversicherung und müssen sich nicht privat zusätzlich versichern. Dafür erhalten sie fast 100 Prozent mehr Rente. Wer also in Deutschland ca. 1100 Euro brutto an Rente hat, der erhält in Österreich ca. 2000v plus x Euro brutto an Rente ohne sich privat zusätzlich versichern zu müssen.

Hier einige Nachweise aus dem Faktenscheck beim ZDF zur Sendung:

„Studie der Böckler-Stiftung bringt Diskussion ins Rollen
https://www.boeckler.de/cps/rde/xchg/hbs/hs.xsl/63056_63185.htm

Linker MdB Matthias Birkwald berichtet von der Informationsreise deutscher Abgeordneter nach Österreich
http://www.matthias-w-birkwald.de/article/1450.bericht-ueber-meinerentenpolitische-dienstreise-nach-wien-in-oesterreich-vom-24-und-25-oktober2016.html

Plusminus Bericht über Österreichisches Rentensystem
http://www.daserste.de/information/wirtschaft-boerse/plusminus/sendung/renteoesterreich-vorbild-deutschland-100.html

Aktuelle Rentenbeiträge zum österreichischen Rentensystem
https://www.youtube.com/watch?v=DuM-fo7iffo  
https://www.youtube.com/watch?v=83BsWISfd-g  

Rentenparadies Österreich?
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/altersversorgung-warum-oesterreichsrentner-viel-mehr-geld-bekommen-als-deutsche-1.2818161

Rente, in Österreich … fast doppelt so hoch wie in Deutschland
1. Vergleich von Durchschnittsrenten in Deutschland und Österreich
Durchschnittliche Altersrenten (Rentenzahlbeträge netto vor Steuern) im Rentenneuzugang bei Männern:

Deutschland: letzte aktuelle Wert 2015: 1.006 Euro (Werte 2016 sollte demnächst verfügbar sein)
Quelle : DRV 2016, Rentenversicherung in Zeitreihen 2016

Österreich: letzte aktuelle Wert 2016: 1.899 Euro (bereits umgerechnet auf Jahreszwölftel)
Realiter liegt der Durchschnittsrente bei Männern deutlich über 2000 Euro, wenn man die sogenannten zwischenstaatlichen Teilleistungen von Personen herausrechnet, die nur vorübergehend in Deutschland oder Österreich gearbeitet haben. Diese Menschen beziehen neben der in Deutschland oder Österreich erworbenen Teilrente noch eine ausländische Rente. Dies drückt natürlich die ausgewiesenen Durchschnittswerte, vor allem bei den Zahlen zur Österreichischen Rente fällt das ins Gewicht, weil dort  30% auf diese Teilleistungen entfallen. Der Österreichische Durchschnittsbetrag liegt nach offiziellen Angaben mindestens 10 Prozent höher, wenn man diese Renten herausrechnet Für Deutschland gibt es hierzu keine Angaben.
Quelle: Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger 2017, Pensionsversicherung 2016

2. Vergleich von Individuellen Rentenansprüchen in Deutschland und Österreich

Wie viel würde ein Mann, der heute zur Regelaltersgrenze in Rente geht und 35 Jahre jeweils den Durchschnittsverdienst verdient hat Rente bekommen?

Deutschland:  1.065 brutto und 948,50 netto
Österreich: 1.850 Euro brutto und 1.756 Euro netto,

Nach österreichischem Rentenrecht errechnen sich bei einem Renteneintritt zur Regelaltersgrenze (65 Jahre) nach 35 Beitragsjahren mit einem gleichbleibenden (relativen) Einkommen gut 60% Bruttoersatzrate bezogen auf das Letzteinkommen.
Bei einem Letzteinkommen in Höhe des deutschen Durchschnittsverdienstes (2016: rund 36.300 Euro) und stabilen bisherigen Einkommensverlauf ergibt sich eine aktuelle Rente (Jahreszwölftel)  von brutto rund …
Quelle: Erik Türk, Arbeitnehmerkammer Österreich“

 

 

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