Die Weicheiergesellschaft

Was ich hier schreibe, ist nur virtuell und nicht wahr. Es ist eine virtuelle Meinung und hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun.

„Mensch sein heißt Kämpfer sein!“ – Das ließ ein alter Sozialdemokrat, der im 1. Weltkrieg kämpfte, von den Nazis verfolgt wurde und später die Organisation Odessa verfolgte, in seine Todesanzeige schreiben. Das war weit vor der Wende.

Das war zu einer Zeit, in der Zivildienstleistende in Westdeutschland noch vor einer Kommission zur Überprüfung ihrer Gesinnung erscheinen mußten und kurz nach dem Ende des Radikalenerlasses.


Heute? Heute hat die Mittelschicht Angst vor dem Absturz. Das war schon in den 90er bekannt, weil es in Amerika schon passiert war. Aber wer ist diese Schicht? Es ist die Schicht derer, die keine Zeit für Politik hatten, weil sie mit ihrer Karriere beschäftigt waren. Sie kauften sich schöne Häuser, beide waren berufstätig, sie hatten Ansprüche an die Welt und sich und sie gingen Konflikten aus dem Weg. Es ist nicht die Schicht der Facharbeiter.

Es war das Milieu, in dem all die Menschen groß geworden sind, die dann als eiskalte Chefs und Vorstände angefangen haben, Deutschland abzuzocken.

Ihre Fähigkeit bestand vor allem darin, hart zu arbeiten. Aber nicht für eine bessere Welt sondern für ein höheres Einkommen. Für eine gute Beurteilung stellten sie alles zurück. Wer Freiberufler wurde, also Arzt, Anwalt oder Steuerberater, der sprach über Freiheit und Leistung. Damit war aber nicht die Freiheit der Andersdenkenden gemeint.

Was die Väter des Grundgesetzes verstanden hatten, dass Gier grenzenlos ist, wurde in Deutschland wissentlich übersehen. Und sie machten sich die Taschen voll – fast alle.

Und dann geschah, was wir kennen. Weil ja die Rentner ein ganzes Leben für uns gearbeitet hatten – womit man die wenigen Übriggebliebenen in der Industrie meinte – wurden ansonsten ganze Generationen mit Anfang 50 in die Rente oder den Vorruhestand geschickt, wobei die Beamten bis heute meistens mehr an Pension erhalten als die meisten Arbeitnehmer, die heute arbeiten gehen.

Das wurde nach der Wende noch mal perfektioniert, um die halbe DDR zu entsorgen. Dabei ruinierte man zeitlgich die westdeutschen Sozialkassen und stellte dann fest, dass wir über unsere Verhältnisse gelebt haben und jetzt müssen die Jungen noch mehr und noch länger arbeiten und haben Abgaben wie noch nie.

Ist natürlich Quatsch, weil man nur die Reichen hätte stärker besteuern müssen. Stattdessen besteuerte man die Armen und den Mittelstand mit Solidaritätszuschlag etc.

Die Beamten hielt man warm. Und dann kam Walter Riester. Waren bei Norbert Blüm die Renten noch sicher, so gab es dann bald die Riesterrente. Das war in meinen Augen nichts als die Einführung einer Rentenkürzung durch die Hintertür. Und dann ging es los. Man klaute zwanzig Jahre nach dem Studium den Studierten rückwirkend die acht Jahre von Abitur und Studium. Man zerstörte mit Hartz IV systematisch die Sicherheit in der Not für all die Fleissigen, die vorher durch ihre Arbeit und ihre Abgaben das System trugen und setzte sie gleich mit Menschen, die nie etwas für dieses System getan haben.

Und man produzierte langsam die neue soziale Frage, die darin besteht, dass sich auf einmal Einkommensunterschiede von bis zu 100 oder 1000 mal so viel an Verdienst wie ein normaler Arbeitnehmer als politisch und sozial ok darstellte.

Der Mittelstand wollte da hin und machte mit. Er wehrte sich nicht, er ging nicht auf die Strasse, er organisierte sich nicht.

Doch dann kam die Bankenkrise. Deutschland verlor langsam immer mehr stabile Arbeitsverhältnisse, die jungen ausgelernten Menschen haben fast keine sicheren Perspektiven mehr, auch nach dem Studium nicht, und die Banken wetteten auf alles, was sich normale Menschen nicht vorstellen konnten und verkauften dies zum Teil auch noch als sichere Altersvorsorge.


Und dann erlebten wir, dass die Politik, also die Vertreter von uns, das alles bezahlten. Den Banken und den Bankern geschah fast nichts, harte Gesetze gibt es bis heute nicht, aber die Steuern wurden erhöht und bei Hartz IV ist dann das „Füllhorn“ leer. Und dann sieht man auf arte eine Sendung, bei der sich Beispiele aus der Mittelschicht darüber aufregen, dass für die da unten etwas getan wird, aber nicht für die Mittelschicht. Dabei sind viele in Hartz IV aus der Mittelschicht. Dabei gibt es immer mehr schlecht bezahlte Arbeitsplätze und die sozialen Sicherheiten verschwinden immer mehr.

Der alte Mann, der am Anfang des Artikel steht, hätte gesagt, dann müssen wir eben auf die Strasse gehen und etwas ändern. Aber der alte Mann ist lange tot und die Generation danach geht nicht auf die Strasse, nicht für eine menschenwürdige Grundsicherung, nicht für die sichtbaren Ungerechtigkeiten im Rentensystem, nicht gegen …

Na ja, der langen Rede kurzer Sinn, dies ist das Ergebnis des Egoismus. Und es wird kein Entrinnen geben. Es wird nur noch schlechter werden für fast alle und fast alle glaubentrotzdem, irgendwie geht es schon.

Früher gab es den Spruch „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“ Davor gab es den Spruch von Martin Niemöller. Und im Ergebnis werden die meisten sagen, man kann ja nichts tun. Doch kann man! Aber das ist ja schädlich für die mögliche Karriere.

Und deshalb wird die Mittelschicht in Deutschland dasselbe Schicksal haben wie in Amerika. Oder glaubt jemand, bei zwei Billionen Euro Schulden von Deutschland würde alles besser.

Man könnte etwas tun, indem man sich das Geld von den Banken holt über zehn Jahre hinweg, indem man die Haftung von Bankern und Vorständen gesetzlich sauber regelt, indem man einen flächendeckenden Mindestlohn wie fast überall im westlichen Europa einführt und indem man die Sozialgesetze als Prioriät ansieht.

Aber es wird weiter von Freiheit und Verantwortung gesprochen werden, von Deregulierung und Marktwirtschaft und von all den sinnlosen Begriffen, die als Nebelbomben dienen.

Wir müssen radikal denken, also von der Wurzel her. Wir müssen das Übel an der Wurzel packen. Aber keine Angst, ich höre bei diesen Sätzen auf. In dieser Weicheiergesellschaft wird eher radikal Hartz IV gekürzt und eine harte Steuererhöhung für die Mittelschicht durchgesetzt als hart durchgegriffen bei den bekannten Verursachern unserer sozialen Übel.

Und – ehrlich gesagt – wenn Schwarz-Gelb 2013 fertig ist, werden sie fast alles verkauft haben, was den Karren aus dem Dreck ziehen könnte.

Hinzu kommt noch etwas. Es ist in Deutschland wie in Ägypten. Die Menschen gehen nicht für die Gerechtigkeit auf die Strasse, aber wenn der Benzinpreis bei 2 Euro liegt. So wird die Weltgeschichte sich noch eine Weile weiter entwickeln und wir können sagen, wir sind dabei gewesen.

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