Rügen, Urlaub und das schöne neue Deutschland

Ein Besuch auf Rügen lohnt sich. Rügen ist nicht nur Deutschlands größte Insel, Rügen ist auch ein Teil des Wahlkreises von Frau Merkel.

Nachdem ich viele Jahre Rügen besucht habe und über die vielen Investitionen auf der Insel und zu der Insel gestaunt habe, entschloß ich mich, dort eine Weile zu leben.
Also bewarb ich mich an verschiedenen Stellen im Dienstleistungsbereich. Doch dann staunte ich nicht schlecht.

Bei mehreren Treffen und Gesprächen erlebte ich das neue Deutschland. Ein Personalverantwortlicher sagte mir: „Ein Bruttolohn von 6,50 Euro bewegt sich im oberen Drittel hier auf der Insel.“


Eine junge Frau erklärte mir: „Das wäre ja schön, wenn ich für 6,50 Euro arbeiten gehen könnte. So viel habe ich noch nie verdient.“

Viele erhalten als Qualifizierung auf den Job eine Qualifizierung von der Arbeitsagentur bezahlt. Wenn der Arbeitgeber dann selbst qualifiziert, verdient er natürlich noch einmal an dem Arbeitnehmer, den er einstellt. Ich selbst erlebte Angebote, die eine Probezeit von sechs Monaten vorsahen und danach eine befristete Einstellung nach der Probezeit von nochmals 12 Monaten.

Ich habe dann die Frage gestellt, wie man denn davon leben soll. Eine Zweiraumwohnung kostet kalt ca. 300 Euro plus Nebenkosten und Telefon. Das wären dann insgesamt ca. 500 Euro. Auf Rügen braucht man ein Auto, so dass nochmals zwei Tankfüllungen hinzukommen und der Unterhalt des Autos, also noch mal ca. 200 Euro. Dann muß man noch Essen und Trinken. Damit kommt man auf 700 Euro plus Essen und Trinken.

Wer mit 6,50 Euro pro Stunde arbeitet, kann davon selbst bei einer 40 Stunden Woche nicht leben mit diesen Kosten. Aber damit nicht genug.

Wer dies machen sollte, der kommt auf ca. 1200 Euro brutto. Wenn er davon 40 Jahre in die Rentenversicherung einzahlt, hätte er dann maximal einen Anspruch auf ca. 480 Euro Rente – brutto.

Auf Rügen sind die Preise im Discounter und im Cafe übrigens ebenso hoch wie im Rest der Republik. Der Benzin ist ebenso teuer und die Nebenkosten ebenso.

So sieht also das neue Deutschland aus? Junge deutsche und nichtdeutsche Menschen werden zu Löhnen gezwungen, die in einer Sackgasse enden.

Wenn eine junge alleinerziehende Mutter mit einem Kind Hartz 4 erhält, dann erhält sie mehr als wenn sie arbeiten ginge auf Rügen. Das spricht nicht gegen Hartz 4 an dieser Stelle sondern gegen eine Sozialpolitik, die keine Mindestlöhne von 10 Euro für alle einführt oder ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Rügen ist vielfach politisch unbeobachtet gewesen in den letzten Jahren. Man sieht dort offenkundig wohlhabende Senioren (zumindest nach aussen hin) und eine schöne subventionierte Erneuerung von Gebäuden und Gelände. Das ist gut so. Aber es kann doch nicht sein, dass die Menschen in Arbeit dort nicht anständig bezahlt werden und mit ihren Niedriglöhnen noch die Rentenversicherung von heute füllen. Das wird dann zum Teufelskreis der Ungerechtigkeit und der Zerstörung der Rente.

Wer auf Rügen Urlaub macht, sollte sich klar werden, dass er oder sie dort vielfach mit Menschen zusammentrifft, die dort für maximal 6,50 Euro brutto arbeiten – und das in Deutschland!

Sollte es wirklich so sein, dass die neue deutsche Wirklichkeit aus Billiglohn und Leiharbeit besteht? Zumindest auf Rügen hatte ich den Eindruck, dass dort im politischen Umfeld von Frau Merkel etwas entstanden ist, was nicht in das neue Deutschland passt, welches ich mir vorstelle. Denn Menschen – jung und alt – brauchen eine Perspektive. Wenn sich Arbeit nicht lohnt, ist Hartz 4 sinnvoller. Doch eigentlich sollte sich Arbeit lohnen, damit Familien mit Perspektive entstehen. Das wäre dann ein Deutschland mit jugendlicher Kraft, Solidarität der Generationen und sozialer Zukunft…

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