Schokoriegel schmecken auch neben Leichen

Da liegt sie vor mir im Grossformat. Eine Zeitung, Europas Kulturzeitung, eine Sammlung von Gedanken, die ich nicht aus der Hand legen kann ohne stark betroffen und getroffen zu sein.

Artikel ist eben nicht Artikel. Daher möchte ich über eine Zeitschrift schreiben, die den Wert eines guten Buches in einer Ausgabe vereint. Denn sie hat – wieder mal – die Essenz guter Gedanken und schreibt über das, was anderswo nicht gezeigt wird. Damit wird auch klar, warum zwar ein Bild mehr als tausend Worte sagte aber oft Worte die einzige Möglichkeit sind, Bilder entstehen zu lassen. Denn wo keine Kamera war, da war auch kein Bild. Doch wo ein Mensch war, da war die Erinnerung – und die kann man in Worte fassen, um Bilder im Kopf entstehen zu lassen.

Warum ich das schreibe?

“Schon bei der zweiten Patrouille seines Zugs versuchte ein ziviler, mit Süßigkeiten beladener Lastwagen, sich in eine Kolonne unserer Panzerfahrzeuge einzureihen. Er wurde überfahren und plattgewalzt… Unsere erste Begegnung mit dem Tod war die mit einem Mann und einer Frau, deren Körper aufgeschlitzt und deren Gliedmaßen abgetrennt waren. Ihre Eingeweide lagen verstreut auf den geplatzten Kartons voller Schokoriegel. Die ganze Abteilung hatte seit 24 Stunden nichts gegessen. Wir hielten an und je länger wir das Wrack mit den Toten bewachten, um so hungriger wurden wir. Schließlich biß ich ein paarmal verstohlen …ab. Die anderen wischten Blut und Treibstoff von den Verpackungen und machten es mir nach.” Soweit die Schilderung von David Bellavia zitiert in dem Artikel von Michael Massing zum Thema “Feuer frei! Soldaten und Zivilisten – die menschlichen Kosten des Krieges” in der Lettre International Nr. 80 ab Seite 18.

Mich beschäftigt dies stark. Nicht nur weil sich Grausamkeit immer wieder als Bestandteil des Menschen zeigt. Nein, weil es hier um die Frage geht, warum wir als Vertreter von Menschlichkeit der Militärmaschinerie keinen politischen Widerstand entgegensetzten.

Ich persönlich musste in den 70er Jahren noch eine Gewissensprüfung wie in der Inquisition über mich ergehen lassen, weil ich nicht bereit war, einfach auf Russen zu schiessen. Das war damals eine psychologisch-politische Auseinandersetzung, die mich dazu führte, fast zwei Jahre Schwerkranke zu pflegen. Damals gab es eine Diskussion um die Neutronenbombe und es gab von Hans Dollinger das Schwarzbuch der Weltgeschichte. Natürlich wusste ich durch mein Studium der Geschichte und Sozialwissenschaften, dass es immer Verbrechen und Kriege geben wird. Aber ich glaubte auch daran, dass die Vernunft eine Rolle spielen wird, weil Wissen Macht ist.

Erst später entdeckte ich, dass die wirtschaftlichen Interessen, dass Geld als Tauschmittel für Ansehen, Sex und Konsum, viel stärker als die Vernunft ist.

Ich bin daran nicht verzweifelt, weil ich noch etwas entdeckt habe. Das Gute gibt es trotzdem. Es steckt aber in keinem System sondern in einzelnen Menschen. Und kein Mensch ist nur gut, aber wer immer wieder dorthin zurückkehrt und versucht, Würde und Respekt von jedem Menschen immer wieder zu achten und sich selbst nicht allein zu sehen, der hat mehr erreicht als alles Geld der Welt ihm geben könnte.

Das Gute ist letztlich nur durch das Schlechte möglich. Es entsteht durch das Nichthinnehmen des Schlechten. Deshalb ist es wichtig, dies zu sehen. Das tägliche Aufstehen dagegen, nicht immer, aber da wo angebracht, ist der einzige Weg zur dauernden Aktualisierung der Welt für eine gelebte verbesserte Gegenwart. Die Zukunft wird dadurch nicht besser, weil auch sie täglich neu aktualisiert werden muss. Dies ist der Kreislauf der Menschen im Miteinander, gewissermassen conditio humana.

Wichtig ist, es ist Teil des Lebens, es ist eine Haltung und dieser Artikel ist Teil dieser Haltung.

Vielleicht aus diesem Grund und weil die Medien, für die ich jeden Monat an die GEZ zahlen muß, offenkundig nicht mehr sachgerecht berichten, bin ich so geschockt von den Artikeln in der Lettre. Den Schock meine ich positiv, weil die Autorinnen und Autoren mich so berühren und manche Zeile hier wohl nur entsteht, um dieses Aufrütteln überhaupt mental bewältigen zu können.

Michael Massing schreibt: ” In keinem anderen Krieg zuvor sind so viele Bücher von Soldaten erschienen, noch während die Kämpfe andauerten.” Und er versucht dann durch eine eingehende Analyse ausgewählter Bücher reale Blicke auf den Krieg im Irak zu werfen. Jeder dieser Blicke tut weh. Er zeigt die Absurdität des Lebens, die in Kriegssituationen besonders deutlich wird. Die Schilderungen von Nathaniel Fick und anderen zeigen aber auch den Preis.

Wie hoch dieser Preis ist schildert Seymour M. Hersh in seinem Artikel “Reporter in Washington – Vietnam, Irak, Iran – von Macht und Ohnmacht des Journalisten” ab Seite 23. Hersh hat 1969 über das Massaker von My Lai berichtet. Er berichtete 35 Jahre später auch über Abu Ghraib. Ich erspare mir die Schilderung der Grausamkeiten. Immerhin soll die Lettre International ja auch gelesen werden und wer sie nicht abonniert, kann sie sicherlich in der Stadtbücherei erhalten.

Doch was mich am meisten getroffen hat war die Schilderung der Folgen von My Lai, die ja auch für alle anderen Kriege gelten. Einer der Soldaten, die dabei waren, war Meadlo. Hersh suchte ihn später und fand ihn auf einer Farm in Indiana. “Ich möchte mit ihrem Sohn sprechen, sagte ich. Sie zeigt auf das Haus und sagte, sie wisse nicht, ob er mit mir sprechen wolle, ich könne es aber gern versuchen. Dann zögerte diese ungebildete einfache Frau aus dem südlichen Indiana und sagte mit ungeheurer Bitterkeit: Ich habe einen guten Jungen gegeben, und man hat mir einen Mörder zurückgeschickt.”

Damit bin ich aber erst auf Seite 25 der aktuellen Ausgabe angekommen. Die Lettre International hat noch viel mehr zu bieten, persönliche Betroffenheit eingeschlossen. So ist in dieser Ausgabe auch eine Fotoreportage über Ägypten, deren Bilder mehr über die Menschen erzählen als so manches Wort. Hier schließt sich dann auch der gedankliche Kreis, den ich oben angestossen haben.

Ich möchte die Rezension mit diesen Schlaglichtern abschliessen.

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