Sozial = Asozial?!

2006 erklärte die FAZ die Welt. Das war vor der Lehman-Pleite und der Erkenntnis, dass die unbegrenzte Gier nicht zum Wohle aller ist.

Wer heute noch vom „Markt“ spricht, der reguliert, der spinnt. Und wer heute noch ernsthaft erklären will, dass der Egoismus der Einzelnen zum Wohle aller führt, der lügt. Die letzten Jahre und Jahrzehnte haben dies gründlich widerlegt.

Die Alternative dazu ist eine starke soziale Marktwirtschaft, die klare Regeln und Grenzen für die Wirtschaft aufzeigt, die die Banken an die Leine nimmt, die starke Kontrollen hat und die Demokrate, Freiheit und Sozialstaat in einem guten Verhältnis stabilisiert.

Es gibt also aus demokratischer Sicht durchaus gute Ansätze.

Aber das ist nur ein Teil in diesem Artikel. Wenn wir Begriffe hören wie sozial, Sozialstaat, soziale Netzwerke, soziales Engagement etc. dann ist es in der Regel so, dass das Wort sozial überall irgendwie unreflektiert inhaltlich gleichgesetzt wird.

Sozial hat etwas mit gemeinsam statt einsam zu tun. Sozial bedeutet, dass man Dinge zusammen macht, sich gemeinsam mit anderen Menschen mit etwas beschäftigt und auch Regeln und Verhaltensweisen dafür aufstellt.

Daraus entwickelten sich viele Dinge wie die Achtung der Anderen, Menschenwürde, Menschenrechte, Freiheit des Denkens, Demokratie, Sozialstaat und vieles mehr. Es entwickelte sich aber auch das Gegenteil, die Unterdrückung anderer Menschen wegen ihres Geschlechtes, ihres Glaubens, ihrer Gene, ihrer Sprache etc.

Soziologen beschäftigen sich mit der Frage des Sozialen, weil die Gesellschaft eine soziale Veranstaltung ist. Und sie messen gerne, denn was man messen kann, kann man auch bewerten.

Und dabei sind sie auf einen interessanten Zusammenhang gestossen. Den könnte man auf die Formel bringen SOZIAL = ASOZIAL.

Wie meine ich das?

Wenn man messen will, wie sozial die Menschen sind, dann fragt man nach der Mitgliedschaft (gering) und Aktivität (stark) in Vereinen, Verbänden, Gruppen und Organisationen. Wenn man also tatsächlich für und in der Gesellschaft mitmacht, dann ist man sozial und das kann man quantitativ messen.

Und dann gibt es noch den Begriff der sozialen Netzwerke bzw. social media. Das ist etwas völlig anderes. Das sind rein egozentrierte Aktivitäten, die in der Regel nichts mit sozialer Aktivität zu tun haben. Sie sind das Gegenteil von sozial, sie sind asozial, d.h. egoistisch, selbstdarstellerisch und persönlichkeitszentriert. Wissenschaftlich kann man das differenzierter ausdrücken. Das ist hier nicht notwendig für den Zusammenhang. Wer will kann sich dies ergooglen.


Da die meisten Menschen ein grosses Ego haben und gerne „Ich“ sagen, ist der Markt dafür fast unbegrenzt. Aber man muss aufpassen, dass man nicht sozial und social miteinander verwechselt.

Soziale Netzwerkaktivitäten und soziales Engagement sind zwei verschiedene Dinge. Wenn man dann aus social = sozial macht, dann ist die Folge, dass asozial = sozial ist. Das wäre dann der Wolf  im Schafspelz.

Ich habe den Eindruck, dass dies im Moment geschieht. Jeder sagt, er ist bei … und macht dort mit. Gerade das hat nichts mit einer sozialen Einstellung zu tun. Es ist der „Jahrmarkt der Eitelkeiten“, der bei sozialen Netzwerken zu sehen ist.

So kann es passieren, dass asoziale Haltungen als sozial verstanden werden.

Da dies gefährlich ist und oft nicht gesehen wird, wollte ich an dieser Stelle einmal darauf hinweisen. Denn die Schärfung der Begrifflichkeit hilft, die Wirklichkeit besser in Worte fassen zu können und damit ein differenziertes Denken zu ermöglichen.

 

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.