Die 20/80 Regel auf tagesschau.de und die Folgen für das Geschichtsbewusstsein und die Demokratie

Es gibt Dinge, die gibt es nicht. Wenn man über ein Thema schreibt und interessante Informationen im Netz findet, dann ist der Link zum Beleg die Grundlage seriöser Publizistik.

Nun kann es zwar passieren, dass mal ein verlinkter Artikel verschwindet. In diesem Fall ist es gut, wenn man im Rahmen des Zitierens die Hauptaussage wiedergegeben hat. Aber in der Regel soll man ja gerade nur etwas zitieren und durch den Link die Möglichkeit geben, den Rest dort zu lesen, wo er eigentlich veröffentlicht wurde.

Und nun kommen wir an eine Stelle, die ist neu. Das ist mediales Neuland, welches mit dem Aufkommen der digitalen Medien entstanden ist. Es geht um Artikel auf tagesschau.de und an anderen Stellen bei GEZ-finanzierten Medien.

Dazu habe ich eine Anfrage an die Redaktion von tagesschau.de geschickt:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe da eine Frage an Sie. Ich schreibe in einem eigenen Blog und verweise manchmal auch auf gute Artikel bei tagesschau.de. Das macht aber keinen Sinn mehr, weil die Artikel ja alle relativ kurzfristig entfernt werden. Um dennoch die Inhalte wiederzugeben muss ich am besten die Artikel mehr oder weniger ganz kopieren und zitieren. Das widerspricht aber dem Urheberrecht. Wie gehe ich denn nun damit um?“

Eigentlich hatte ich gehofft, auf meine offene Fragestellung eine kluge und weiterführende Antwort zu erhalten. Ich erhielt auch eine Antwort, aber diese erinnerte eher an einen Bescheid vom Finanzamt statt an eine sinnvolle Auseinandersetzung mit einem durchaus ernsten Thema:

„Sehr geehrter Herr Mahlke,

leider müssen wir Ihnen nach Absprache mit unserem Justitiariat untersagen Texte von tagesschau.de ganz zu kopieren und zu veröffentlichen. Uns sind durch den 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag enge Grenzen im Internet gesetzt worden. Seit dem 1. Juni 2009 regelt der Vertrag, dass in gebührenfinanzierten Angeboten viele Inhalte verboten sind und die erlaubten nur noch für begrenzte Zeit online bleiben dürfen. Das Justitiariat wies uns darauf hin, dass auch Dritte (in diesem Fall Sie) keine offline gestellten Meldungen von tagesschau.de wieder veröffentlichen dürfen.

Es tut mir leid, dass die Antwort negativ ausfallen muss.“

Danach hatte ich gar nicht gefragt. Ich wollte nicht die Texte von tagesschau.de kopieren sondern hatte in meiner Anfrage ja extra darauf hingewiesen, dass genau dies nicht vom Urheberrecht gedeckt ist.

Und nun?

Ganz praktisch kann man damit meiner Meinung nach nun folgendermassen umgehen im Rahmen der geltenden Gesetze:

  • Man speichert sich privat den Text ab und/oder druckt ihn, so dass er dokumentiert ist.
  • Darüber hinaus kann man ihn online ja paraphrasieren. Man gibt die Inhalte also mit eigenen Worten wieder.
  • Und man zitiert die wichtigsten Passagen direkt im eigenen Artikel.

Mit diesen drei Schritten ist man für nachweispflichtige ernste Themen persönlich dann durchaus gewappnet. Aber das ist ja nur eine Seite des Problems.

Man muss sich klarmachen, dass die durch Gebühren von den Menschen bezahlten Medien die mit diesen Gebühren erstellten Informationen systematisch löschen und das gesamte Informationsarchiv und damit das gesamte Informationsgedächtnis vernichten.

So entsteht eine Situation, die weder eigene historische Forschung oder Recherche mit google und anderen Suchmaschinen mit öffentlich-rechtlichen Quellen ermöglicht noch ein langfristiges digitales Archiv ermöglicht. Das ist umso fataler als gerade heutzutage viele Dinge nur noch digital publiziert werden.

So wird heute in der Tagesschau fast täglich gesagt, man finde weitere Informationen auf tagesschau.de unter ….

Es gibt sogar eigene Redaktionen, die die Inhalte erstellen und aufbereiten. Und dieselben Menschen löschen dies dann alles nach ein paar Tagen wieder, so dass man nichts mehr finden kann. Da die Grundversorgung der Bevölkerung und die Rechtfertigung für Gebühren ja auch damit zu tun hat, dass man davon ausgeht, dass dann auch über Themen berichtet wird, die für private Medien nicht berichtenswert sind aber notwendig, ist das Ganze noch einmal eine Dimension schlimmer.

So wird jede Recherche, die die Grundlage von historischer und sozialwissenchaftlicher Arbeit ist, öffentlich-rechtlich kaputtgemacht. Denn manche Themen und Zusammenhänge ergeben sich erst im Rückblick und diese Art der Informationsgewinnung wird durch so ein Handeln bewusst ausgeschlossen.

Letztlich ist dies ein echtes sozial-mediales Attentat der öffentlich-rechtlichen Medien auf die Demokratie. Eine Demokratie lebt davon, dass die Menschen transparenten und ungehinderten Zugang zu Medien und zu Archiven haben und es diese Archive gibt.

Die im Rundfunkstaatsvertrag definierte Verweildauer rettet zwar einen kleinen Teil. Aber 80 Prozent sind weg. Und das sind meistens die Dinge, die woanders so nicht zu finden sind.

Und die systematische Zerstörung von Medien im Längsschnitt läßt nur den Schluss zu, dass dort Politiker Entscheidungen getroffen haben, die wenig Interesse an Geschichtsbewusstsein, Transparenz und partizipatorischer Demokratie haben.

 

 

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