Web 2.0 Social Commerce oder die digitale Tupperparty


2008 hatte ich das Web 2.0 nicht verstanden. Weblog, Podcast, IPTV, Tagging, RSS Fed, Widgets, Social Browsing, Mashups und noch einige andere Wörter waren für mich böhmische Dörfer.

Für mich hieß Web immer Internet. Dort konnte man unter eine Internetadresse Seiten mit Informationen übertragen, man konnte Emails abrufen und um die Seiten zu finden Suchmaschinen und Webverzeichnisse benutzen.

Das reicht eigentlich auch. Doch dann kamen immer mehr Begriffe auf, die mich verwirrten. Und es kam immer mehr Werbung auf. Ich stellte fest, dass ich oft über google etwas suchte und zunehmend auf Seiten kam, die nichts anderes hatten als Werbefenster und Begriffe, die als Suchergebnis dienen sollten.


So verging mir die Lust am Internet. Amazon ersetzte ich zunehmend durch eurobuch.com bis in eurobuch.com zunehmend immer mehr amazon marketplace auftauchte. Und da ich bei amazon mehrfach Bücher gekauft hatte bei denen ich hinterher Rezensionen schrieb, weil sie so schlecht waren und diese dann nicht veröffentlicht wurden, da hatte ich dann auch keine Lust mehr, mich darauf zu verlassen. Doch irgendwann erlebte ich meine völlige Sprachlosigkeit gegenüber den neuen Wörtern im Internet und suchte stundenlang nach einem Buch. Letztlich fand ich das Buch Verkaufsweg Social Commerce von Frank Mühlenbeck und Klemens Skibicki . Um es vorweg zu sagen, es ist gut. Es ist ein flüssig geschriebenes Buch, welches viele Anregungen hat, wenn auch bei mir nicht immer so wie die Autoren es verstanden. Das Buch ist sogar Teil des Prozesses, den die Autoren beschreiben. Und da es zum Teil auf Fuerteventura geschrieben wurde scheint auch die Sonne der Inspiration der Autoren zugute gekommen zu sein. Nun muss man wissen, dass ich als Laie dieses Buch gelesen habe und mich mit den Gedanken dieses Buches auseinandergesetzt habe. Insofern sehe ich die aufgezeigten Verkaufswege etwas kritischer. Die neuen Möglichkeiten von Web 2.0 ermöglichen es, Verhaltensprofile von Menschen unglaublich gut aufzuzeichnen. So fragte ich mich, was wäre denn, wenn man die Daten nicht mehr als Verkaufsweg nutzt sondern als Tatort? Und darauf gibt es natürlich in dem Buch keine Antwort, aber als politisch denkender Mensch sollte man darüber nachdenken. Insofern ist das Buch auch sehr schön, um zu zeigen, dass Marketing nicht alles ist.
In dem Buch wird alles wunderbar erklärt, was mit Web 2.0 und Verkaufswegen im Internet zu tun hat. Es zeigt, welche Möglichkeiten theoretisch und technisch bestehen und beschreibt auch die heutigen Grenzen. Ein zunehmend grösseres Problem im Web 2.0 ist die unendliche Zunahme von Informationen jeglicher Art. Dieses ist nicht steuerbar und nicht zu verwalten. So schreiben die Autoren auf Seite 95 als Merksatz Zu viel Information ist keine Information! Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die vielen Möglichkeiten von Web 2.0 dazu dienen sollen, mehr personalisierte Informationen zu erzeugen und zugleich die Fülle an Informationen noch mehr zu verdichten, um eine Auswahl zu ermöglichen. Während man früher auf eine Seite ging, um sich anzuschauen, was sich dort verändert hat, soll man heute durch RSS Feeds auf dem Laufenden bleiben, die im Browser abrufbar sind und somit schnellere Informationen verschiedener Seiten ermöglichen. Dies mag unter effektiven Gesichtspunkten stimmen, ersetzt aber nicht das Surfen auf bestimmten Seiten, die man ganzheitlich sehen will und nicht nur über einen RSS Feed. Aber auch hier hat natürlich jeder seine Meinung und wahrscheinlich erklärt mir jetzt jemand, dass ich das Prinzip nicht verstanden habe, weil ein RSS Feed mir ja ermöglicht, schneller auch wieder informiert zu sein über Neuerungen auf der Seite. Ja so ist der Mensch… Die Autoren verstehen es, die Unendlichkeit der englischen Wörter - und aus meinen Augen auch Wortblasen - immer wieder ins Deutsche zu übersetzen. Dabei habe ich den Eindruck, dass sich nach der Übersetzung alles wieder normalisiert, weil offenkundig das Web 2.0 den Menschen nicht neu erfinden konnte. Doch davon später mehr. Auf Seite 198/199 schildern Mühlenbeck und Skibicki überzeugend, dass Nischenmärkte gerade durch das Internet mehr Möglichkeiten haben als Massenmärkte. Sie beziehen sich dabei auf das Buch The Long Tail von Chris Anderson. Dabei weisen Sie darauf hin, dass man sich damit von der 80/20 Regel verabschiedet. Dies wird ja schon praktiziert. Grosse Plattformen haben mit ihren Shop in Shop oder Marketplace Systemen mittlerweile die Dimension eines virtuellen Kaufhauses mit angeschlossenem Antiquariat und Secondhand-Laden erreicht.
Sehr bemerkenswert, sehr treffend und sehr nüchtern ist ihr Satz auf Seite 220. Er lautet: „Soziale Anerkennung als Währung.“ Dies entfachte bei mir ein Feuerwerk der Gedanken. Mir fiel der Satz ein von Erich Fromm (glaube ich), dass die Unterdrückung der Sexualität die Basis unserer Leistungsgesellschaft ist. Es ist im Internet wie im richtigen Leben. Die Probleme der Menschen werden zur Verkaufsförderung genutzt. Es ist im Ablauf der Zeiten nie anders gewesen. Aber dieser Ansatz ist wirklich ein längeres Nachdenken wert. Denn er hat Licht- und Schattenseiten. Wikipedia ist eine erstklassige Lichtseite und Produktbewertungen in Shops können eine echte Schattenseite werden. Wie auch immer, die Autoren haben auch diesen Bereich für mich inspirierend angesprochen. In dem Buch findet sich ein Gedanke, der allein schon lohnt, das Buch zu kaufen. Dort heisst es auf Seite 242: „Über die reale vernetzte Community der Hausfrauen, die sich zum Kaffee trafen und sich über Küchenprodukte austauschten, eroberten die Tupper-Produkte seit den 1950er Jahren die Küchen dieser Welt. Im Social Commerce geschieht im Prinzip nichts anderes. Nur geben die Kunden die Informationen nicht mehr einzeln von Mensch zu Mensch weiter, sondern nutzen das Internet als virtuellen Raum.“ Wenn Sie diesen Artikel bis hierhin gelesen haben, dann gehören Sie schon zu den Menschen, die mehr vom Lesen erwarten als nur ein paar zusammengestammelte Worte. Hier finden Sie von mir einige Aspekte meiner persönlichen gedanklichen Auseinandersetzung mit einem Buch. Doch auch dazu haben die Autoren etwas in ihrem Buch geschrieben. Im Web 2.0 kommt es nicht immer nur auf die Qualität eines Beitrags an, sondern oft viel mehr auf die Authentizität. Wie auch immer. Das Buch ist eine Reise wert. Wobei mir persönlich nicht nur meine Fragen zum Web 2.0 beantwortet wurden, sondern ich habe auch verstanden, dass technisch viel mehr möglich ist als menschlich verkraftbar wäre. Und mir ist beim Lesen des Buches auch klar geworden, dass sich immer mehr Möglichkeiten an immer weniger Menschen richten werden, weil die meisten Menschen das Internet nutzen wollen wie einen Hammer mit einem Nagel. Und davon sind wir noch weit entfernt, denn dafür braucht man auch keine Schulung auf der Tastatur und auch keine zusätzlichen Sprachkenntnisse. Sollte ihnen der Beitrag gefallen haben oder Sie anregende Gedanken haben, dann schreiben Sie mir doch dazu ihre Auffassung. Ich setze diesen Beitrag ganz gezielt in meinen werbefreien Blog und freue mich über ihre Anregungen. Dieser Beitrag versteht sich als Version 1.1 und kann digital weiterentwickelt werden als ewige Beta. Ich verweise darauf, dass dieser Beitrag oder Auszüge davon nicht an anderer Stelle im Internet genutzt werden dürfen oder sogar noch in Zusammenhang mit Werbung egal welcher Art. Sie dürfen einen Link auf diese Seite setzen, sofern er nicht dazu führt, dass dadurch neue Werbung erzeugt wird.

[shariff]

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.