Will die Bundesanstalt für Arbeit die 50 Stunden Woche?

In der neuen Broschüre „Fachkräfte für Deutschland – Neue Wege zur Personalgewinnung“ der Bundesagentur für Arbeit findet sich folgender Text: „In Deutschland lag die Wochenarbeitszeit von Vollzeitkräften 2009 laut Eurostat im Durchschnitt bei 41,8 Stunden und damit leicht über dem EU-15-Durchschnitt (41,6 Stunden). Es gibt genügend Möglichkeiten, um die Arbeitszeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit flexiblen Regelungen zu erhöhen und so gleichzeitig dem Absinken des Erwerbspersonenpotenzials gegenzusteuern. Die Tarifpartner könnten den vorhandenen tariflichen und innerbetrieblichen Spielraum für zusätzliche Überstunden nutzen. Gleichzeitig ließen sich die Möglichkeiten zur Umwandlung von geleisteten Überstunden in Freizeit reduzieren, damit die Überstunden tatsächlich die durchschnittliche Wochenarbeitszeit steigern.“

Raimund Becker, Frank-Jürgen Weise und Heinrich Alt haben diese Broschüre herausgegeben. Wenn ich den Text richtig verstehe, dann meinen diese Herren, dass es nicht reicht, wenn in Deutschland im Schnitt schon 41,8 Stunden pro Woche gearbeitet wird. Die Arbeitnehmer sollen mehr arbeiten und länger arbeiten. Und die Tarifpartner sollen dafür sorgen, dass die Menschen die zusätzlichen Stunden nicht in Freizeit abbauen sondern ausbezahlt bekommen oder ansparen.


Habe ich das richtig verstanden?

Dieser Text ist ja bewusst geschrieben worden. Er stellt also die „offizielle“ Linie der BA, der Bundesagentur für Arbeit, dar. Dies ist ein echtes Armutszeugnis für die Wissensgesellschaft. Mit dieser Haltung wird es nicht gelingen, das Problem der Demografie zu lösen.

Der Rückgang des Erwerbspersonenpotentials (also derjenigen Personen, die theoretisch arbeiten könnten) auf 38,1 Millionen in den nächsten 14 Jahren wird in der Broschüre als Argument angeführt für die obige Aussage.

Im IAB Kurzbericht 7/2011 findet sich folgendes: „Die Erwerbstätigkeit dürfte im Jahresdurchschnitt 2011 bei 40,84 Mio. liegen (vgl. Tabelle A1, Seite 10). Damit wird nach einem Zuwachs von 360.000 Personen oder 0,9 Prozent gegenüber 2010 der höchste Stand in der Geschichte der Bundesrepublik erreicht. Noch kräftiger legt die Gruppe der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zu (+430.000 Personen oder +1,6 %, vgl. Abbildung 4 auf Seite 6). Mit 28,19 Mio. Personen erreicht sie einen Anteil von 69,0 Prozent an allen Erwerbstätigen.“

Nun gibt es ja immer ein Loch zwischen Wissenschaft und Lebenspraxis. Wer mehr arbeitet und die Stunden nicht als Freizeitausgleich nimmt, der wird durch die „kalte Progression“ voll erwischt. Und wer dauerhaft länger arbeitet, wird eher krank und stirbt eventuell auch früher. Die Zahl der psychischen Erkrankungen ist schon auf einem „Rekordhoch“.


Wenn die BA nun den Rückgang von 44,6 auf 38,1 Millionen darstellt, dann sind dies über den Daumen 15 %. Wenn nun jeder rein rechnerisch 15 Prozent mehr arbeiten würde, dann wären dies bei knapp 42 Wochenstunden ca. 6,3 Wochenstunden plus – wie gefordert – mehr Flexibilität. Dann sind wir schnell bei 48 bis 50 Arbeitsstunden pro Woche.

Ich werfe darauf nun einen zynischen Blick: Wenn nun proportional die Anzahl von Erkrankungen wächst und Quote derjenigen, die früher sterben, weil sie das nicht aushalten, dann wäre für den Arbeitsmarkt nichts gewonnen. Dafür würden aber die Kosten im Bereich des Gesundheitswesen wesentlich steigen, durch eine höhere Sterberate würde die Anzahl der Arbeitnehmer, die einzahlen in die Rentenversicherung, sich verringern, allerdings auch die Anzahl der möglichen Rentenbezieher. Und es würde einen weiteren Zerfall sozialer Strukturen erfolgen, weil derjenige, der 50 Stunden arbeitet, weder ehrenamtlich tätig sein kann noch eine Familie erleben kann.

Ich gehe davon aus, dass diese Herren wissen, was sie tun.

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